Der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser als unserem kostbarsten Gut ist nicht so einfach. Der Wasserfußabdruck wird anders als der CO2-Fußabdruck berechnet. Virtual Water ist das Konzept, das das wahre Ausmaß unseres täglichen Wasserverbrauchs offenbart.

Nach Auskunft des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft lag der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Person und Tag in Deutschland im Jahr 2017 bei rund 123 Litern. Das ist ungefähr das Fassungsvermögen einer kleineren Badewanne.

Der sogenannte versteckte oder virtuelle Wasserverbrauch liegt pro Bundesbürger bei 4000 Litern pro Tag. Ein gewaltiger Unterschied zu den 123 Litern sichtbaren Wassers. Wie kommt es zu diesem Sprung? Und warum „kostet“ unsere kleine, heißgeliebte Tasse Kaffee 140 Liter Wasser, also eine mittelgroße Badewanne voll?

Systemischer Denkansatz für unsere kostbarste Ressource

Das Konzept des virtuellen Wassers beschreibt, welche Gesamtmenge Wasser zur Herstellung eines Produktes (ob industriell oder landwirtschaftlich) verbraucht wurde. Der britische Wissenschaftler und Geograph John Anthony Allen entwickelte es in den 1990er Jahren. [1]

Zurück zum Kaffee-Beispiel. Es geht um mehr als das Leitungswasser für den Filterkaffee, den Liter für die Kaffeemaschine. Es geht um die Wassermenge, die für Anbau, Produktion, die Verpackung und den Versand der Bohnen verwendet wird, die wir für die Zubereitung unseres Morgenkaffees verwenden.

Ein Hamburger benötigt 2.400 Liter und die schöne neue Jeans aus wasserintensiver Baumwolle unglaubliche 11.000 Liter. Alle Waren, die wir kaufen – von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Computern – verursachen Wasserkosten in Form von virtuellem Wasser. Weitere Beispiele:

Auto: 400.000 L

Neupapier 1 kg 2.000 L

Recycling Papier 1 kg 20 L

1 kg Steak 15.000 L

1 kg Getreide 1.300 L

Eine Jeans aus wasserintensiver Baumwolle kostet 11.000 Liter Wasser

Ob grün, blau oder grau: Die Produktionsgeografie entscheidet

Die Summe aus versteckt (virtuell) und sichtbar (direkt) verbrauchtem Wasser eines Menschen ergibt seinen Wasserfußabdruck. Man kann ihn auch für Länder, Unternehmen und Produkte berechnen. Das Konzept des virtuellen Wassers kennzeichnet grünes, blaues und graues Wasser. Ihre Nutzung beziehungsweise Verursachung ist unterschiedlich problematisch.

Grünes Wasser steht für natürlich vorkommendes Boden- und Regenwasser, das von Pflanzen aufgenommen und verdunstet wird. Grün ist positiv. Blau ist problematischer: Es steht für das Grund­ oder Oberflächenwasser, das zur Herstellung eines Produktes genutzt wird und nicht mehr in ein Gewässer zurückgeführt wird. Beispielsweise bei der künstlichen Bewässerung in der Landwirtschaft. Graues Wasser kennzeichnet die (theoretisch) benötigte Menge an Wasser, die eingesetzt werden müsste, um die während der Herstellung eines Produktes verschmutzte Menge Wasser wieder aufzubereiten bzw. zu verdünnen, so dass die Qualität wieder ok ist. Viel Grau ist negativ.

Wasser immer im geographischen Kontext sehen

Für die Produktion von Produkten ist entscheidend, wo produziert wird, in regenreichen Regionen oder dort, wo es trocken und heiß ist. Interessant ist auch die Frage, ob Pestizide oder Dünger eingesetzt werden (müssen). Dementsprechend wird beim virtuellen Wasser unterschieden zwischen grünem und blauem Wasser. Man sollte betrachten, ob grünes oder blaues Wasser zur Erzeugung eines Produktes herangezogen wird. Dadurch ergeben sich regionale Unterschiede zum virtuellen Wasserverbrauch.

Während der virtuelle Wassergehalt im Mais in Indien 1.937 L/kg beträgt, liegt er in Italien bei 530 L/kg und in den Niederlanden nur 408 L/kg. Je heißer eine Gegend ist, umso mehr Verdunstungsverluste treten auf. Ähnliche Unterschiede werden bei der Sojabohne mit 4124 L/kg in Indien und 1.506 l/kg in Italien gemessen. Bei Rindfleisch mit 16.482 l/kg in Indien, 21.167 l/kg in Italien & nur 11.681 l/kg in den Niederlanden. [2]

Die richtige Konsum-Wahl: Nachhaltig, regional, saisonal

Es ist ein Unterschied, ob man Tomaten in den Niederlanden anbaut oder in Südspanien, wo viel weniger Wasser verfügbar ist. Wasser ist immer im geografischen Kontext zu sehen. Allerdings hat der Verbraucher im Laden dafür nicht die nötigen Informationen. Was wir trotzdem tun können?

„Vor allem Lebensmittel sind für den Großteil unseres virtuellen Wasserverbrauchs verantwortlich,“ weiß ICon Gründerin Dr. Monique Bissen. „Obst und Gemüse regional und saisonal zu kaufen, ist ein guter Ansatz – nicht nur aufs Wasser bezogen. Je weniger Lebensmittel wir wegwerfen, desto weniger Wasser verschwenden wir im Umkehrschluss. Und bei Jeans und T-Shirt gilt: Je länger wir sie tragen, desto besser. Sustainability bzw. Nachhaltigkeit ist weit mehr als ein Trend und ein Schlagwort“, ist die Wasser-Expertin und Chemie-Ingenieurin überzeugt.

Quellen:
[1] Allan, T.; Virtual water: Tackling the threat of our planet’s most precious resource. I.B. Tauris (2011)
[2] Hoekstra, A. Y.; Chapagain, A. K.: Globalization of Water. Blackwell (2008) S. 10 ff